Thomas Galler - Week-End

Thomas Galler - Week-End

Eröffnung: 24. März, 2011, 19H

Ausstellungsdauer: 25. März – 15. April
Donnerstag – Samstag 14 – 18H

Thomas Galler - Week-End, Installationsansicht

Installationsansicht.
Thomas Galler: Week-End

Gitte Bohr präsentiert in einer Einzelpräsentation Arbeiten Schweizer Künstlers Thomas Galler. Das Werk des in Zürich lebenden Künstler operiert mit visuellen Strategien informationeller, propagandistischer und militärischer Bilderzeugung. Es setzt sich hier insbesondere mit Ikonographien und Repräsentationen des Konflikts auseinander: Bilder von Aufständen und Krieg treffen auf propagandistische Bildproduktion und polizeiliche sowie militaristische Ästhetik. Thomas Galler setzt diese Bilder durch seine Form der Präsentation erneut Konfliktsituationen aus, welche sich auf den Betrachter übertragen.

Die Akkumulation von Bildmaterial, sei es ausgeschnittenes Bildmaterial aus Zeitungen, das Galler zu mitunter reichhaltigen Sammlungsblöcken zusammenträgt, oder aber als Fundstücke ähnlich zu charakterisierende, vom Künstler neu angeordnete Videosequenzen, werden durch Auswahl und Zusammenstellung zu komplexen Gefügen, deren Aussage explizit, jedoch nicht implizit, beim Betrachter erst entstehen müssen. Sie fordern den Betrachter nicht nur auf, sich mit dem Gesehenen zu beschäftigen. Die Virulenz der Bilder in ihrer Ansammlung drängt sich dem Betrachter auf. Zu aufgeladen sind die Bilder, als dass sie einen kalt liessen. Zu sperrig, als dass man umhin könnte, sich als Betrachter ihnen gegenüber zu positionieren.

So zeigt Galler in der Videoarbeit Week-End einen Zusammenschnitt aus Videofragmenten, in denen sich im Irak oder in Afghanistan stationierte US-Truppen in ihrer Freizeit bei Männlichkeitsritualen filmen. Ohne direkt darauf zu verweisen, sorgt Galler qua Dekontextualisierung dafür, das Wesentliche an diesen Bildern wachzurufen: Es handelt sich um Selbstinszenierungen junger Männer, die fernab der Kampfhandlungen mit grenzwertigem Spiel, eine Aura der Entmenschlichung als noch kommendes Schicksal der jungen Soldaten und als Essenz des Krieges erahnen lassen. Inwiefern diese Selbstinszenierung sich von Repräsentationen von Folter und Gewaltexzessen, wie wir sie aus Abu Ghraïb kennen, strukturell unterscheiden, ist eine Frage die sich aufdrängt.

So erinnert Week-End in gewisser Weise an die in Michail Romm's aus Dokumentarmaterial zusammengestellten Filmessay Der gewöhnliche Faschismus von 1965, aufgeworfene Frage, warum gewöhnliche junge Menschen durch ideologische Indoktrination, durch autoritäre Strukturen und durch die Erfahrung des Krieges schlechthin, zur Unmenschlichkeit fähig werden. Denkt man an die Fotos aus dem Foltergefängnis in Abu Ghraïb, in denen eine zierliche US-Soldatin, nackte Gefangene erniedrigt und foltert und dabei stolz auf den Fotos posiert, bleiben diese Bilder ihrem Charakter nach nichts anderes als jene, die russische Soldaten während des sogenannten Russlandfeldzuges bei Deutschen Soldaten fanden: Junge Männer posierend vor von Ihnen getöteten Zivilisten, in der Hauptsache Frauen, Greise und Kinder, misshandelt und grausam zugerichtet.

Gallers Arbeit Week-End geht indes subtiler mit dieser Frage um. Ohne das Grauen zu zeigen, erfasst den Betrachter der Schauer vor dem was da noch kommen mag und von dem wir annehmen müssen, dass es die Abscheu überschatten wird, die sich in uns angesichts des ostensativen Machogehabes und der geballten Dummheit der Bilder vielleicht entwickelt.

Thomas Galler's Arbeit zeigt aber auch, wie soziale Medien die repräsentatorische Alleinherrschaft und Informationshoheit der Allianzen aus Staat, Militär und Massenmedien unterminiert. In Zeiten des "Regierens im Bildraum" (vgl. Tom Holert) hat die Demokratisierung des Bildes durch zum Beispiel soziale Medien neue Fronten gebildet: Während das Militär mit inflationärer Produktion von Bildern und der Unterdrückung von nicht-opportunen Bildinformationen reagiert, untergraben sogenannte Whistleblower bewusst, unbedarfte Bilderproduzenten vielleicht unbewusst, die Autorität der offiziellen Bilder. Der Kampf um die Bilder hat die Zuordnung der Wahrheit erschwert und einen Zustand kollektiven Misstrauens geschaffen. Die Frage, wie wir dennoch angesichts von Opfer- oder Täterbildern zu einem Konsens kommen können (wie Susan Sontag es in Regarding the Pain of Others beschreibt), wird durch dieses Misstrauen bedingt.

Denn auch davon spricht Week-End: Wie wird unser Denken über das Gesehene durch unser Wissen, bzw. Unwissen über die Herkunft der Bilder konditioniert? Sind die Bilder, die Galler zusammengetragen hat, Teil einer konspirativen und schwer zu durchschauenden Manipulation? Und schon misstrauen wir den Emotionen, die wir angesichts der Bilder haben, die uns der Künstler vorsetzt. Ist unser Lachen, unser Zorn, unser Mitgefühl, unsere Begeisterung oder unsere Abneigung gerecht? Begegneten uns diese Bilder, in der vorliegenden Zusammenstellung auf einem Kanal bei YouTube, so würden wir eventuell abwinken und keinen Gedanken an den Wahrheitsgehalt verschenken. Aber auch das ist bei Galler ein Bestandteil des dekontextualisierenden künstlerischen Gestus:

Indem wir es als Kunst betrachten, verdächtigen wir (als Kinder der Aufklärung) das künstlerische Bild, Wahrheit freizulegen. Diese Erwartung wird jedoch insofern enttäuscht, als dass der Künstler hier kein Postulat subjektiven Wahrheitsempfindens darbietet, sondern die Frage nach der Wahrheit, die der Betrachter dem Kunstwerk stellt, beantwortet, indem er durch das Werk die Beantwortung der Frage an der Betrachter zurück delegiert. Und das ist keineswegs künstlerische Aporie, sondern ein klarer Auftrag an den Betrachter.

Thomas Galler, geboren 1970 in Baden, CH, hat bildende Kunst an der HGK Luzern studiert. Sein Werk wurde in zahlreichen Ausstellungen international gezeigt und ist vielfach ausgezeichnet worden, u.a. 2009 mit dem Manor Kunstpreis oder dem Eidgenössischen Kunstpreis. Gitte Bohr präsentiert die erste kleine Einzelpräsentation von Thomas Galler in Berlin.