Kriegsbilder

Essay "Images from Above" herunterladen (pdf, Englisch)

Kriegsbilder

Eröffnung: 10. Februar, 2011, 19H

Ausstellungsdauer: 11. Februar – 5. März, 2011
Donnerstag – Samstag 14 – 18H

In dieser Ausstellung gibt es keine Kunstwerke. Vielmehr operiert sie mit Bildern und Informationen, die sich aus Nachforschungen und Diskussionen über Kriegsbilder ergeben haben. Mit dieser Ausstellung möchten wir die aktuelle Diskussion über die Deutsche und Europäische Verstrickung in die andauernden Kriegshandlungen in Afghanistan im Kontext der Kunst anregen. Mit dem so genannten "visual turn" als Konsequenz aus den Anschlägen auf das World Trade Center, hat sich gezeigt, welche politische Bedeutung dem Bild zukommen kann, wenn die Politik in die Produktion von Bildern vordringt und strategische Kriege auch zu Kriegen der Bilder werden. Das gezielte Verbreiten von Bildern, ebenso wie die Unterdrückung von Bildern ist Bestandteil dieses Krieges geworden. Wie werden also Bilder erzeugt und welchen Einfluss hat die Zensur und Selbstzensur auf Kriegsbilder? Wie konstituieren die Bilder unser Erinnern an den Krieg? Und noch wichtiger: Wie können wir Bilder entgegen der durch die Medien vorgegebenen Leserichtung entschlüsseln? Wie können wir sehen, wofür sie stehen und sie für die Kultivierung eines Widerstandes gegen den Krieg verwerten?

Gemäß der offiziellen Geschichtsschreibung, verloren die USA den Krieg gegen Vietnam, weil die Medien zu viele der grausamen und beunruhigenden Bilder zeigten und so die Meinung der Durchschnittsbürger gegen den Krieg wendeten. Aus diesem Grunde ergaben sich für die folgenden Kriege Experimente in Sachen Pressezensur, Bilderverbot, Desinformation und Reglementierung. Das eklatanteste Beispiel hierfür war vielleicht der Golfkrieg von 1991, der die inflationärste Produktion und Distribution von Kriegsbildern hervorgebracht hat, die aber so kontrolliert und abstrakt waren, dass man gleichzeitig sagen kann, man habe noch nie so wenig über den Krieg erfahren. In unserer Erinnerung setzt sich dieser Krieg als eine Mischung aus Hightech Bildern aus Flugzeugen, grünen Blitzen in der schwarzen Wüstennacht und brennenden Ölfeldern. Kurz, das Bild eines "sauberen" Krieges von "chirurgischer Präzision". Der Tod war nirgends sichtbar.

Kriegsbilder - Installationsansicht

Die Ausstellung

Wie werden wir uns an den Krieg in Afghanistan erinnern? Oder an den letzten Golfkrieg? Bilder und die Geschichten, die sich in diese einschreiben, haben einen großen Einfluss auf die Art und Weise in der wir einen Krieg wahrnehmen und erinnern. In Regarding the Pain of Others schreibt Susan Sontag dass das, was wir als kollektive Erinnerung bezeichnen eine Ansammlung von produzierten Bildern ist, die als Platzhalter für ein Ereignis zu Bestandteilen unserer "Erinnerung" werden. Mehr noch -Bilder stehen immer in einem Kontext; sie sind bereits bei ihrem Erscheinen in den Medien interpretiert worden. Hieraus lißßen sich zwei Strategien ableiten:

1) Die Erste besteht in der simplen Kontrolle der Bilder. Dies bedeutet, dass wir das wahre Gesicht des Krieges nicht zu sehen bekommen. Wir sehen nicht das Sterben, das Leiden und die Zerstörung, die unvermeidbare Bestandteile eines jeden Krieges sind. Es herrscht ein Defizit an Bildern, das uns letztlich den herrschenden Krieg als nicht existent erleben lässt. In den Massenmedien gibt es in diesem Fall kaum Bilder von dem, was im herrschenden Krieg tatsächlich vorgeht, die uns daran erinnern, dass wir im Krieg sind und was genau Krieg bedeutet, nämlich Elend. Ohne diese Erfahrungen konstituiert sich Widerstand gegen den Krieg schwerlich. Zum Vergleich: 90% der Opfer des Irak-Krieges waren Zivilisten im Gegensatz zu nur 10% im ersten Weltkrieg.

2) Die zweite Strategie hat mit der Lesart zu tun, mit der wir Bildern begegnen, ob wir den durch die Medien vorgegebenen Kontext affirmieren, oder ob wir eine kritische Lesart zu entwickeln imstande sind.

Zunehmend sind die von den Massenmedien verbreiteten Bilder militarisiert: Die Herausgabe von Bildern ist streng kontrolliert, bzw. zensiert. Die aus dieser Bilderarmut entstehende Informationswüste wird nun geflutet mit Bildern, die das Militär selbst produziert. Neue Technologien produzieren Bilder in Einheit mit ihrer Funktion als Waffe. So werden zum Beispiel unbemannte Flugobjekte (UAV) ausgestattet mit Kameras UND Sprengkörpern zu Produzenten von Bildern ihrer eigenen Zerstörung. Das "Foto schießen" erhält hier eine zynische Wendung; das Bildmotiv wird abgeschossen, das Bild zerstört, die Zerstörung zum Bild. Dies erzeugt eine eigentümliche Ästhetik: Die Bilder erinnern an Videogames der ersten Generation, stark verpixelt und schwarz-weiß, ohne klare Konturen oder einer Notion von Realität. Willkürlich gerahmt, bestimmt von der Zielerkennungstechnik, nicht aber von der ästhetisierenden Intervention des menschlichen Auges. (Die Bestimmung der Technologie ist zuvorderst die Zerstörung des Ziels, nicht die Produktion von Bildern). Das -wenn man so will- Abfallprodukt wird recycelt um im Medienkrieg -ähnlich wie Bilder aus der Mikrochirurgie daherkommend- das Bild des Krieges zu bestimmen. Kriegsbegeisterung wird so auch zur Technologiebegeisterung. Die Begeisterung für diese Bilder hat eine eigene Szene hervorgebracht, die diese Bilder -im Szenejargon "Droneporn" genannt- auf Social Media Plattformen austauscht und konsumiert. So ist für diese Bilder ein ähnliches Schicksal denkbar, wie für Filmaufnahmen von Soldatenreportern aus dem zweiten Weltkrieg, die heute auf Discovery oder in Guido Knopps Geschichtssendungen Konjunktur gewinnen. Wen würde es verwundern, schaltete er in wenigen Jahren das Nachtprogramm auf BR-Alpha ein und sähe anstelle der "Space-Night" die "Drone-Night".

Es erscheint von herausragender Wichtigkeit die Lesarten der Bilder zu erlernen, zu sehen, dass sich hinter den effizienten Performances unwirklicher technologischer Interventionen das Leiden echter Menschen verbirgt. Dahinter steht eine Kriegsmaschinerie, die längst der größte und vitalste Industriezweig der kapitalistischen Welt geworden ist, der sich, wie an den Kommunikationsstrategien des militärisch-industriellen Komplexes in einer zunehmend informierten Gesellschaft deutlich wird, seine Existenzberechtigung durch seine Bildproduktion, durch Feind-Bilder schafft.

Das Video Collateral Murder, das durch WikiLeaks an die Öffentlichkeit gelangte, ist ein Beispiel für die Re-Interpretation solcher Bilder. Hier erhielten die gesichtslosen Schatten, die von nervösen US-Soldaten als vermeintliche Feinde von Maschinengewehrsalven niedergemäht wurden, eine Identität. Eine simple, aber effektive Strategie, sowie eine notwendige Entsprechung zum Kontext der uns täglich vorgesetzten Bilder: Eine Einführung in das Erkennen von Bildern, gegenüber dem bloßen Ansehen selbiger. Sozusagen dem Lesen der Hieroglyphen, ganz so wie Bertold Brecht es in seiner Kriegsfibel, dem Bilderbuch gegen das Vergessen und gegen den Krieg von 1955, beschrieb.