Didier Morin - Fontevrault 1982

Didier Morin - Fontevrault 1982

Eröffnung: Mittwoch 6. Juli, 19H

Ausstellungsdauer: 7. - 16. Juli, 2011
Donnerstag – Samstag 14 – 18H

Didier Morin - Fontevrault 1982, Still

Fontevrault 1982, Still

In einer ungefähren Zeit von zehn Jahren folgte der in Marseille lebende Künstler Didier Morin, biografisch und geografisch unter Anderen den Spuren des Romanciers Jean Genet. In diesen Jahren zeichnete Morin nicht nur die Reiserouten und die Orte Genets nach, sondern suchte auch die noch lebenden sozialen Kontakte des französischen Schriftstellers auf, um ihre Zeugenschaft fotografisch, filmisch, schriftlich und editorisch zu fassen. Resultat dieser Annäherungen sind Filme, Fotos, Texte, Publikationen. Ein regelmäßig erscheinendes Medium, dass wiederum Morins geographische und soziale Erfahrungen auf den Spuren Genets oder aber auch Yves Kleins, ist die Zeitschrift "Mettray". Sie setzt sich aus eigenen Texten und Bildern sowie aus Beiträgen von Künstlern und anderen Personen, denen er begegnete zusammen und hält diese in schlichtem schwarz-weißem Druck fest. Mettray war eine der berüchtigten Vollzugsanstalten, in denen Genet, das Waisenkind, der Zögling, der Ausreißer, der Landstreicher, der Deserteur, der Dieb, der Stricher in seiner Jugend einsaß, flüchtete, gefangen wurde und wieder einsaß. Seine Erfahrung in dem Gefängnis, welches deviantes Verhalten aller Art sanktionierte, allem voran Homosexualität. Das Leben, das innerhalb dieser Mauern so stark von einer gleichgeschlechtlichen, gleichsam Subversion wie Submission fordernden Sexualität geprägt war, beschrieb Genet in dem Roman Miracle de la Rose.

Didier Morin - Fontevrault 1982, Installationsansichten

Die Ausstellung

Mettray, das liegt in der Tourraine, der Heimat von Didier Morin. Er wuchs in unmittelbarer Nähe der Haftanstalt auf. Hier liegt seine Verbindung zur Biografie Genets begründet.

Gitte Bohr zeigt in einer Einzelausstellung Arbeiten von Didier Morin. Zentral ist die Arbeit Fontevrault 1982. Diese manifestiert eine erste Annäherung an Jean Genet und an ein Einschlußmilieu, dass für Genets Arbeit und für sein Leben so maßgeblich, so bestimmend war. Dieser Annäherung fehlte es, wie sich später herausstellen sollte, an biografischer Richtigkeit. Nichtsdestotrotz würde es dieser künstlerischen Nachforschung nicht an werkimmanenter Substanz mangeln:

In den achtziger Jahren, Jean Genet war noch am Leben, kontaktierte der junge Morin den Schriftsteller, um ihn zu seiner Haftzeit in Fontevrault zu befragen. Morin hatte fälschlicherweise angenommen, Genet hätte dort eingesessen, handelte es sich doch um eine Strafanstalt, die dem Autor, neben Mettray, als Vorlage in seinem autobiografischen Roman Miracle de la Rose diente. Genet wollte sich hierzu nicht äußern und stritt ab, dort je eingesessen zu haben. Spätere Nachforschungen sollten diese Aussage bestätigen. Jedoch bleiben die Beschreibungen dieser Einschließungsmilieus, ob streng biografisch oder fiktionalisiert, eindrückliche Beschreibungen einer der repressivsten Institutionen der Disziplinargesellschaft: In der Zeit vor der Erfahrung der Kontrollgesellschaft stand sie für eine isolierte, monolithische Macht, die den Geist noch wenig genug kolonisierte, um dem Gefangenen die Freiheit des Geistes zu gewähren, trotz seiner körperlicher Gefangenschaft.

Didier Morin - Fontevrault 1982, Installationsansichten

Die Ausstellung

Nachdem Genet den jungen Morin also abblitzen ließ, entschloss sich dieser trotzdem und wider das Eintrittsverbot, in die ehemalige Abtei des Klosters von Fontevrault einzudringen. Hier begann er, nur mit einer Campinglampe und einer Super-8 Kamera bewaffnet und angeleitet von der Orientierungshilfe eines ehemaligen Insassen, die Inschriften der Gefangenen auf den Zellenmauern zu filmen. Sie zeigen in aller Trostlosigkeit die niederschmetternd simplen Manifestationen der Körper, an denen sich der Freiheitsentzug vollzog.

Aus dem Dunkel auftauchend, zeigt dieser Gespensterfilm Geister aus einer Vergangenheit, die sich in die Gegenwart spiegeln. Eine Gegenwart, in der wir die Formen der Disziplinierung, auf die hier verwiesen wird, flexibilisiert haben. Der Horror, der diesem Gespensterfilm innewohnt, erhält seine volle Dimension, wenn wir erkennen, dass eben diese Gefängniszellen heute in unseren Köpfen existieren.

Didier Morins Film Fontevrault 1982 hat am 3.7.2011 um 18h Premiere im Haus der Kulturen der Welt, im Rahmen des Festivals Rencontres internationales. Anschliessend wird der Film bei Gitte Bohr ab dem 6.Juli um 19h zu sehen sein.