Rahmenshop

Rahmenshop

Eröffnung: 17. Dezember, 19H

Ausstellungsdauer: 18. Dezember, 2010 - 22. Januar, 2011

Rahmenshop - Flyer

 

Künstler: annette hollywood / Kristofer Paetau / Ingo Gerken/ Diego Castro

"Es ist unmöglich, Künstler zu sein und dabei der Schranken und Gesetze nicht zu achten. Die Kunst ist Begrenzung; zum Wesentlichen eines Bildes gehört der Rahmen."
Gilbert Keith Chesterton - Aphorismen und Paradoxa

Die Galleri Gitte Bohr eröffnet am Freitag, den 17.12.2010 in der Schillerpromenade 7 in Berlin-Neukölln ihre erste Ausstellung. Unter dem Titel: "Rahmenshop" maskiert sich die neu eröffnete Galerie als Bilderrahmengeschäft und zeigt doch nichts als Kunst, die sich mit einigen Aspekten der Rahmenbedingungen der Kunstproduktion beschäftigt. annette hollywood, Kristofer Paetau, Ingo Gerken und Diego Castro präsentieren Arbeiten, in denen es -im weiteren Sinne- um die Autonomie des Künstlerwesens im Schatten ihrer Verfänglichkeiten geht: Institution, Ökonomie, Geschichte, Karrierismus, Akademismus.

Der finnische Künstler Kristofer Paetau zeigt ein Videoarbeit mit dem Titel "Critical Encounter" von 2010. Aufgenommen in einem billigen Stundenhotel in Rio de Janeiro, trifft Paetau, hier in der Rolle des Künstlers, auf DanDara ViTaL, in der Rolle einer brasilianischen Kuratorin zu einem "Atelierbesuch". Der ausländische Künstlers, präsentiert in dem improvisierten Kurzfilm das Ergebnis eines angeblichen Arbeits- und Forschungsaufenthalts in der brasilianischen Metropole. Eine rotierende Scheibe mit weissem Porzellankitsch muss für einen Diskurs herhalten, wie er stereotypischer und klischeehafter kaum sein könnte. Jeder Satz wirkt wie ein cut-up aus zeitgenössischen Kunstzeitschriften, Katalogen und Pressecommuniqués.

Die Kuratorin zeigt sich verwundert über den Ort der Präsentation und entwickelt ein Unbehagen an der präsentierten Arbeit, die sich in eine Geste wüster Ablehnung steigert.
Die Darstellerin DanDara ViTaL ist ein brasilianischer Schauspieler und Transvestit, die weder Englisch spricht noch versteht. Sie wiederholt die von Kristofer vorgegebenen Sätze phonetisch, ohne zu wissen, was sie gerade sagt, während ihr Filmpartner -des Englischen mächtig- in dem Versuch scheitert, der Kuratorin seine Arbeit zu erklären. Abseits der Absurdität von DanDaras Performance, tut sich hier ein Abgrund zwischen zwei Welten auf, der die Unvereinbarkeiten zwischen der vermeintlichen Aufgeklärtheit der nomadisierenden westlichen Kunstszene und den sozialen Realitäten im Trikont aufzeigt. Die Wahl der Location, sowie die der Hauptdarstellerin wirken wie das Pflichtprogramm kritischer Kunst: Postkoloniale Exotik, Slumromantik, urbane Theorien, sexuelle Marginalität. Das Video wirft bei aller Komik einen kritischen Blick auf Effekte eines kulturellen Kolonialismus, in dem der "Andere" und dessen Lebenswelt instrumentalisiert, ohne dem Gegenstand der Betrachtung gerecht zu werden.

Die Arbeit von annette hollywood analysiert ironisch die Rolle der KünstlerIn in einem aufgeblähten Kunstsystem, das zum Starsystem geworden ist und sich ebenso wie andere Bereiche der Kulturindustrie vom tradierten Kanon der Kunsttheorie zunehmend trennt und zwangsläufig den Gesetzen der Popularkultur unterliegt. Während die Imageindustrie boomt, stellen sich die alten Ansprüche des Kunstmachens in ein inflationäres Verhältnis zu den Automatismen des Kunstmarktes. Bleibender Wert sind hier die Diamanten aus dem neuesten Video von annette hollywood: "Artist's best friends" (2010). In einer Art Bling-Bling Marilyn-Kostüm trägt die Künstlerin im Sprechgesang ein humorvolles Lamento zeitgenössischer künstlerischer Existenz auf der Schattenseite des Ruhmes vor, um schliesslich die Reinheit und Stabilität des Diamanten metaphorisch für den ideellen Wert der Kunst anzupreisen. Wenn die Künstlerin singt "...so, Rank high or rank low, you can't buy my ego", beschwört Sie die Unkäuflichkeit und Unabhängigkeit künstlerischen Handelns, eine Arbeit, die dem Diamantenschliff gleichkommt: "A diamond cut, not effective, but reflective, pure, a cure."

Ingo Gerken zeigt eine Serie von drei Zeichnungen aus der Serie "Riot". Mit einer sogenannten "Hasskappe" vermummte Strichmännchen behelfen sich an den Utensilien der Protestkultur, um einem sowohl flachsigen wie auch zornigen Ungemach Ausdruck zu verleihen. Slogans auf den Protestschildern richten sich an namhafte Künstler und verweisen diese in ihre (historischen) Schranken. Der Trotz des Vermummten, der vielleicht ein Statthalter einer ganzen Künstlergeneration ist, symptomatisch für eine Zeit, in der "Big Names" eine Spektakelindustrie beherrschen. Die als sich selbst genügende, selbst befruchtende Leidenschaft der neuen Sammler, Kunststars und Socialites lässt sogar die abgeschmackte Kunstbeflissenheit des Bildungs-bürgertums weit abgeschlagen hinter sich. Die Kunst an der Kunst gerät ins Abseits und die Einstiegshürden für den künstlerischen Nachwuchs mitunter sehr hoch anlegt. Der ominöse Zorn des "unbekannten Künstlers" richtet sich gegen eine Übermacht, die zu benennen indes immer schwieriger wird: Bei einem der Schilder bleibt der Adressat verborgen.

In einer weiteren Arbeit sehen wir zwei Collagen die Seiten aus dem Anzeigenteil von Hochglanz-Kunstmagazinen verwenden und in denen Ingo Gerken sich mit einfachsten Mitteln über die Prinzipien der Prestigewerbung ultra-teurer Galerienkampagnen hinwegsetzt. Er braucht dazu kaum mehr, als einen Filzstift und einen gewitzten Einsatz des selben. So bringt er die Kunst vom Galmour wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Diego Castro zeigt mit "Die Kunst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit der Aura" von 2008, eine Serie von Zeichnungen, ursprünglich als in Galerievierteln frei zirkulierende Flugblätter gedacht, welche die Idee des freien Copyrights "Creative Commons" analog umsetzen. Die Slogans und Plakatideen der fiktiven Künstlergruppe "Immaterialistische Internationale" kritisieren die Automatismen der kommerziellen Kunstwelt, die mit dem Ziel spekulativer Gewinnmaximierung den ideellen und immateriellen Gehalt der Kunst entwertet. Die Handzeichnungen, am Computer entworfen und am Leuchttisch durchgepaust und fotokopiert, stehen dem Besucher zur Verfügung, der sich am Kopierer seine eigenen Exemplare umsonst anfertigen kann.

Die globalisierte Kunstinstitution, in ihrer Fortschreibung kulturimperialistischer und kolonialistischer Traditionon, wie bereits am Beispiel des British Museum, des Louvre oder des Pergamon Museums vorexerziert, stand Pate für Castros zweite Arbeit "Deutsche + Guggenheim, Swakobmund" (2010). So wie einst die Rohstoffe durch die Kolonialmächte ausgebeutet wurden, galt auch für die Kultur indigener Völker das Prinzip der Transformation kultureller Schätze in wirtschaftliches Potenzial. Unter Ausweitung der Interpretationsgewalt westlicher Institutionen, entstehen auch heute noch westlich geprägte "Ideologie-Maschinen", die, mit neuen Diskursen ausgestattet, das Diktum westlicher Weltanschauung und Kritikmodelle nun auf globaler Ebene als Marke verbreiten. Die afrikanische Strohhütte als Ausstellungshalle wird zu einer ironischen Interpretation globalisierter Kultur. Auf einem Sockel mit dem Markennamen der Deutschen Guggenheim / Deutschen Bank, spielt sie sowohl auf die Historie der Deutschen Bank im Kolonialreich an, als auch auf das jüngste globale Engagement der Guggenheim Foundation. Insbesondere die Deutsche Bank steht, trotz ihres kulturellen Einsatzes, gestern und heute für die finanzielle und kulturelle Ausbeutung des Trikonts, wie kaum eine andere Bank.