One Night Stand 5

Oberfläche und Oberflächlichkeit

One Night Stand 5

In Kunst-Werke, Auguststraße 69, Berlin-Mitte

Donnerstag, 8. Oktober, 2015, 19.00 - 22.00

Eintritt: 3 Euro

Oberfläche und Oberflächlichkeit Publikation Cover

Cover der Publikation

 

Künstler: Katrin Caspar & Eeva Liisa Puhakka, Gisela Dischner & Robert Lehniger, John Duncan, Ingo Gerken, Errands Group, itinerant interludes #34: Laurie Schwartz & Tomomi Adachi, Paul de Koens, Jana Linke, Hylynyiv Lyngykrz (Helena Lingor), Many People (Kiron Guidi, Frank Holbein, Lars Werner), Erich Pick, Fried Rosenstock, Allegra Solitude, XY, Zeitungspoet

One Night Stand. Installation shots

Links: Ingo Gerken, Index-Finger und Bpigs-Finger, 2015

 

Liebig12 and Gitte Bohr laden zu einem Abend mit Kunst, Performance und Gesprächen in den Kunst-Werken (Auguststraße 69 in Berlin-Mitte), der im Rahmen der Reihe One Night Stand vom Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen stattfindet. Von einem gemeinsamen Interesse für die Politiken ästhetischer Praxis kommend, präsentieren sich die beiden Kunsträume in einer gemeinsamen Veranstaltung. Unter anderem wird Oberfläche und Oberflächlichkeit, Gitte Bohrs zweite Publikation vorgestellt. Das Thema ist die Ideologie der Oberfläche. Liebig12 kuratiert ein Programm von ortsspezifischen Interventionen unter dem Titel: Rekursionen der Macht – on how to exit the loop.

Die Publikation Oberfläche und Oberflächlichkeit ist das materielle Resultat einer Reihe von Vorträgen und Diskussionen, die von Gitte Bohr – Club für Kunst und politisches Denken zwischen 2012 und 2015 organisiert wurde. Sie erscheint in Heftform und beinhaltet Beiträge aller Beteiligten. Der thematische Schwerpunkt der Reihe lag auf der Analyse der Beziehung zwischen Oberflächengestaltung und Oberflächlichkeit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Für die Veranstaltungen hatte Gitte Bohr sich viele liebe Gäste geladen; Künstler, Kuratoren, Theoretiker, Aktivisten. Ihnen hörten wir angeregt zu und diskutierten heiter bis hitzig mit Ihnen und dem illustren Publikum.

One Night Stand. Installation shots

Links: Erich Pick, Cadres Foucaultiens, 2011

 

Beiträge von: Kenneth A. Balfelt (DK), Diego Castro (DE), Fred Dewey (US), Ingo Gerken (DE), Eva May (DK), Erich Pick (DE), Ivana Sidzimovska (MK), Megan Steinman (US).

Über die Publikation hinaus, präsentieren wir in den Kunst-Werken auch künstlerische Arbeiten von einigen unserer Autoren. Erich Pick zeigt seine Arbeit Cadres Foucaultiens (2011), deren Ausgangspunkt die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem berühmten Vortrag Michel Foucaults Of Other Spaces ist. Ingo Gerken zeigt eine Arbeit, die er speziell für diese Veranstaltung gemacht hat. Die Fotoserien Index-Finger und Bpigs-Finger zeigen zwei Geografien der Berliner Kunstszene. Der Finger des Künstlers ist mit einem Handschuh von der Art, die man anzieht um fragile Oberflächen zu handhaben, verhüllt. Bleibt die Kunstwelt selbst von unsanften Gesten unberührt? Die griechische Künstlergruppe Errands Group präsentiert ihr Video Scent Marketing (Greekodorama) aus 2015. Die Arbeit befasst sich mit einer anderen Weise damit, wie die Oberfläche von öffentlichem und halb-öffentlichem Raum behandelt wird: Die Produktion von Gerüche für kommerziellen Räumen sind der nasale Einstieg in die Welt des Konsums und den funktionalistischen Raum.

Zum Thema: Oberflächlichkeit scheint sich zum Schlüsselbegriff für weitreichende Entwicklungen unserer spätkapitalistischen Gesellschaft entwickelt zu haben. Mangelnde Nachhaltigkeit, artifizielle Obsoleszenz von industriellen Produkten – man denke an die berühmt-berüchtigten Sollbruchstellen – Mangel an Fertigungskunst und beschleunigte Konsumgeschwindigkeit sind heutzutage Zustände, die nicht nur ökologische Probleme mit sich führen. Die ideologisch gefärbten Designs des Spätkapitalismus haben weitreichenden Einfluss auf unser Sozialleben. Einer Idee Richard Sennetts folgend, wollen wir uns im folgenden der graduellen Entfremdung widmen, die gleichsam die kurzlebigsten Beziehungen zwischen Menschen oder Dingen betrifft.

Im Fokus von Oberfläche und Oberflächlichkeit stehen jene Oberflächen, mit denen wir im täglichen Gebrauch interagieren. Dies betrifft die also mannigfaltigen Gestaltungen des öffentlichen und privaten Raums, der Objekte und gar der menschlichen Silhouette. Benutzeroberflächen, optimierende Eingriffe in das Erscheinungsbild des menschlichen Körpers, das Design von Gebrauchsgegenständen, von Kunstwerken, von Kultur und Natur. Fast nie ist die Erscheinung kontingent, fast immer folgt sie dieser oder jener Weltanschauung. Glätte und das Paradox von Undurchlässigkeit bei gleichzeitiger Transparenz als Leitmotive der Oberflächengestaltung finden unheimliche Entsprechung in den Umgangsformen unserer heutigen Gesellschaft. Das neoliberale Projekt erfand tiefgreifende Veränderungen in der sozialen Struktur. Die Verwischung der Grenzen zwischen Privatheit und Arbeit ist eine dieser Oberflächenbehandlungen, mit der sich ein neues Arbeitsethos auf jeder Oberfläche spiegeln soll. Die Dispositive individualistischer Selbstregulierung sind dabei die Träger der ihr zugrunde liegenden Ideologie: Das Design bestimmt das Bewusstsein.