Oberfläche und Oberflächlichkeit: Ivana Sidzimovska

Oberfläche und Oberflächlichkeit

Oberfläche und Oberflächlichkeit, Teil IV:

Ivana Sidzimovska

Dienstag, 16. Dezember 2014, 19h

Foto: Ivana Sidzimovska

Foto: Ivana Sidzimovska

 

In einer weiteren Ausgabe der Veranstaltungsreihe Oberfläche und Oberflächlichkeit wirft Gitte Bohr erneut einen Blick auf die Stadtlandschaft als Oberfläche. Die mazedonische Künstlerin Ivana Sidzimovska ist unserer Einladung gefolgt, ihr Projekt über die städtische Erneuerung der mazedonischen Hauptstadt im Rahmen des Programms "Skopje 2014". Sie untersucht die Ideologien und Machtverhältnisse hinter den neo-klassischen Fassaden und der popösen, historisierenden Neugestalung der Stadt.

Im Jahr 1963 wurden 80% der Skopjes durch ein Erdbeben zerstört. Der Wiederaufbau der Stadt wurde hauptsächlich vom japanischen Architekten und Stadtplaner Kenzo Tange geplant, der bereits beim Wiederaufbau Hiroshimas wirkte. Das Resultat war eine neue Stadt, basierend auf einer modernen Vision von einer totalen und funktionalen Stadt, die den Ansprüchen der kommunistischen Führung an eine zukunftsgewandte Selbstdarstellung gerecht wurde: Eine brutalistische und doch anspruchsvoll ausgeklügelte Betonwüste.

Das Stadterneuerungsprojekt "Skopje 2014" ist ein regierungsfinanziertes Grossprojekt, deren Ziel es ist, Skopje als klassizistische europäische Hauptstadt zu reinszenieren. Dieses Projekt umfasst eine Umgestaltung des Zentrums in einem monumentalistischen klassizistischen Stil, bei der die bestehenden modernistischen Betonfassaden mit historisierenden Fassaden ummantelt werden. Ebenso entsteht eine inflationäre Ansammlung von Standbildern, welche an die Geschichte Mazedoniens und ihrer Volkshelden gemahnen soll.

Ivana Sidzimovska analysiert das "Skopje 2014"-Projekt mit einem Blick auf das Konzept des symbolischen Kapitals. Sie sieht dergestalt die Erneuerung Skopjes als einen symbolischen Umbau, dessen Ziel es ist das Image der Stadt als nationales Zentrum, erbaut auf einer heroischen Historie, zu imaginieren. Ein historisierender Stil und nicht zuletzt die Wahl der historischen Gestalten, die sich in den zahlreichen Statuen verewigen sollen, deuten auf einen restaurativen Diskurs hin, in dem sich die couleur der gegenwärtigen politischen Führung Mazedoniens niederschlägt.

Einer der Hauptkritikpunkte an diesem Projekt liegt bei der Exklusion ethnischer Minderheiten aus dem Narrativ der Stadt, wie auch bei den enormen Haushaltsausgaben für die Durchführung dieser Imagekampagne zu Lasten eines ökonomisch angeschlagenen Landes und einer sozial instabilen Gesellschaft. Sidzimovska kritisiert Skopje 2014 als undemokratisch, intransparent und nepotistisch, die Raumplanung als top-down. Im Zusammenhang eines Wettstreits autoritärer urbaner Narrative und hegemonialer Repräsentationen fragt sie nicht nur nach den unterschiedlichen Narrativen, sondern auch nach der sozialen Raumproduktion von Skopje 2014. Durch Zusammenarbeit und Interviews mit lokalen Bürgern, Experten, Künstlern und Aktivisten, versucht sie sich den Erfahrungen und Vorstellungen von der Stadt anzunähern und findet so Wege zur Nacherzählung und zum Reenactment jener Geschichten.

Sidzimova verfasst derzeit eine Doktorarbeit mit dem Titel: "Notes on Skopje. Skopje 2014: Hegemonic and Speculative Urban Narratives" an der Bauhaus-Universität Weimar.

Mit dem Projekt Oberfläche und Oberflächlichkeit soll die Beziehung zwischen Oberflächen und Oberflächlichkeit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft untersucht werden. Im Fokus stehen die Oberflächen, mit denen wir im täglichen Gebrauch interagieren: Die Gestaltung des öffentlichen Raums, von Beutzeroberflächen, die Oberfläche des menschlichen Körpers, von Gebrauchsgegenständen, von Kunstwerken, von Kultur oder Natur. Es fragt was geschieht, wenn sich unsere Beziehung zu Oberflächen zur Oberflächlichkeit wendet, wenn wir an Oberflächen abprallen, anstatt in sie einzudringen.

Oberflächlichkeit scheint sich zum Schlüsselbegriff für weitreichende Entwicklungen unserer spätkapitalistischen Gesellschaft zu entwickeln. Mangelnde Nachhaltigkeit, artifizielle Obsoleszenz von industriellen Produkten (Sollbruchstelle), mangelnde Handwerklichkeit und beschleunigter Konsum sind heutzutage Zustände, die nicht nur ökologische Probleme mit sich führen. Arbeitsethos und Produktionsmodi des Spätkapitalismus haben weit reichenden Einfluss auf unser Sozialleben. Einer Idee Richard Sennetts folgend, soll hier die graduelle Entfremdung untersucht werden, die gleichsam die kurzlebigen Beziehung zwischen Menschen oder Dingen betrifft.

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